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„Gemeinsames Wort der Ost-Bischöfe“

Als Katholik verstimmt, als Staatsbürger bevormundet

Vor dem Hintergrund der jüngsten Bauernproteste und aller anderen „komplexen Herausforderungen“ unserer Zeit haben die römisch-katholischen Bischöfe der sechs mittel-, nord- und ostdeutschen Bistümer am Freitag in einem „gemeinsamen Wort“ zu einer Erneuerung des Glaubenslebens an Haupt und Gliedern aufgerufen:

Eindringlich mahnten sie, alle Angst im Gebet vor Gott zu bringen, Unbill im Vertrauen auf Gott tapfer zu ertragen, sich getreu der Weisung des Evangeliums nie die Hoffnung rauben zu lassen, denn der auferstandene Herr Jesus habe ja die Welt überwunden! Vor allem legten sie dem von Steuer- und Abgabenlast bedrückten Volk ans Herz, einfach dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist, darüber hinaus aber wieder eifriger in der Heiligen Schrift zu lesen, Rat und Hilfe im Katechismus zu suchen und vertrauensvoll die Muttergottes in Andachten und Wallfahrten um ihre Fürbitte anzuflehen.

Über die Not der Zeit hinweg gelte es, den Blick zum Himmel zu richten: „Rette deine Seele!“, schrieben die Bischöfe in Großbuchstaben, „kehrt also um und glaubt an das Evangelium!“ In der um sich greifenden Wirrnis und Vielgötterei auch in den östlichen Bundesländern ergriff die Bischöfe der Bekennermut Petri vor dem Hohen Rat: „Und in keinem anderen ist das Heil zu finden.“ Nicht Buddha, nicht Mose, nicht Mohammed, nicht Marx, allein Jesus Christus, so die Bischöfe, „denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir sollen gerettet werden!“

„Können wir nicht akzeptieren“

„Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!“ Denn die sechs Nord-Ost-Bischöfe sind aus dem Holz nicht geschnitzt. Ganz weltlich gesinnt, haben die Geistlichen am Freitag in einem offenen Brief mit der Überschrift „Eintreten für die Demokratie“ vor der Wahl der AfD gewarnt. Mit Hinweis auf ihr „eigenes Gewissen“ schrieben sie, „die Positionen extremer Parteien wie dem III. Weg, der Partei Heimat oder auch der AfD nicht akzeptieren“ zu können. Man fasst sich an den Kopf: Welcher PR-Heini aus dem bischöflichen Apparat war so dusselig, zwei rechtsextremistische Kleinstparteien durch namentliche Erwähnung auch noch zu adeln?

Anders als üblich, wo in den Kirchen gewöhnlich zur Beteiligung an politischen Wahlen aufgerufen wird, gingen die Bischöfe aus den Bistümern Berlin, Magdeburg, Hamburg, Erfurt, Görlitz und Dresden-Meißen diesmal im Ton deutlich darüber hinaus und baten: „Treten Sie ein für unsere freie und vielfältige Gesellschaftsordnung auf der Grundlage unserer Verfassung!“

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Sie warnten: „Krude Ausweisungsphantasien für Migranten und ihre Unterstützer“, Ablehnung von Schutzangeboten für Flüchtlinge, die Ausgrenzung von Behinderten, „der alleinige Fokus auf Leistungsfähigkeit, die Leugnung des menschengemachten Klimawandels“ und die „pauschale Verächtlichmachung von politischen Akteuren und Institutionen“ seien mit den „Grundwerten unserer Gesellschaft“ unvereinbar.

Weiter mahnen die Bischöfe: „Informieren Sie sich vor Ihrer Wahlentscheidung aktiv und aus unterschiedlichen Quellen. Fragen Sie nach Begründungen für politische Positionen. Suchen Sie den kritischen Austausch. Prüfen Sie die langfristigen Folgen“.

An wen richtet sich das Schreiben?

Nun hat jede Stellungnahme, jedes Sendschreiben, jeder offene Brief einen Sender und einen Empfänger. Wenn geistliche Oberhirten sich (wieder einmal) zu politischen Akteuren machen, dann werden sie von den Bürgern auch als solche behandelt, dann unterliegen sie genauso der politischen Bewertung und Kritik wie jeder andere auch, der sich politisch zu Wort meldet. Dann ist es aus mit dem Respekt vor dem geistlichen Amt, dann wird Bischof Heiner, Heinrich, Gerhard, Stefan, Ulrich und Wolfgang nicht anders gesehen als Fraktionschef Schmidt oder Gewerkschaftsboss Schulze.

Und der Empfänger? Die Zahl der Katholiken zwischen Ostsee und Erzgebirge schmachtet im niedrigen einstelligen Prozentbereich: im Bistum Magdeburg liegt sie bei drei Prozent der Bevölkerung, im Bistum Dresden-Meißen ebenfalls bei drei Prozent. Im Bistum Erfurt nahmen 2022 nur 8,5 Prozent der 137.272 Katholiken am Zählsonntag an der hl. Messe teil, im Erzbistum Berlin 6,3 Prozent. Im Jahr 2022 sind in den von den Bischöfen geleiteten nord-östlichen Bistümern 35.244 Personen aus der Kirche ausgetreten. Tendenz: stark steigend. Vom Bistum Magdeburg erfuhr Corrigenda, dass es dort derzeit keinen einzigen neuen Seminaristen im Priesterseminar gibt. An wen also richtet sich dieses bischöfliche Wort?

Die nichtkatholische Bevölkerungsmehrheit zuckt mit den Schultern. Die weit über 90 Prozent der Katholiken in den Diözesen, die nicht zur hl. Messe gehen, wird sagen: Das interessiert mich nicht (mehr). Ein kleiner Rest von Katholiken, der gegen den Abwärtstrend regelmäßig zur Kirche kommt und seine politische Heimat bei SPD, Grünen und nach links gerückter CDU hat, darf sich durch die bischöfliche Einlassung in seiner Einstellung bestätigt sehen.

„Vor dem Hintergrund unseres Gewissens“

Und der größer werdende Teil der Gesamtbevölkerung der Bistümer wie der Katholiken, der in seiner (partei-)politischen Haltung zu anderen Entscheidungen kommt? Nach neuesten Umfragen für die sächsische Landtagswahl liegt die SPD in einem gewichteten Durchschnitt bei 6,0 Prozent, die Grünen bei 7,0 Prozent. Die AfD hingegen kommt im Umfrageschnitt auf 34,1 Prozent und wäre damit stärkste Kraft. Das Umfragebild bei den anderen zwei in diesem Jahr anstehenden Landtagswahlen sieht ebenfalls einen Durchbruch der AfD.

Deren Wähler, und insbesondere eben auch deren katholische Wähler, bekommen nun von den Bischöfen „einen vor den Latz geknallt“. Sie erhalten von ihnen die Ansage: So, wie ihr das macht, ist das nicht richtig, denn „vor dem Hintergrund unseres (!) Gewissens“ liegt ihr falsch.

Ja, mit der Gewissensfreiheit hatte es die Kirche nie so, aber das nur am Rande. Unklug will es scheinen, sich politisch so einseitig zu geben, zumal wenn man selbst auf dem absteigenden Ast sitzt.

Die nordostdeutschen Bischöfe: 1. Reihe v.l. Gerhard Feige (Magdeburg), Heiner Koch (Berlin), Heinrich Timmerevers (Dresden-Meißen), Wolfgang Ipolt (Görlitz) sowie ganz rechts in 1. Reihe Ulrich Neymeyr (Erfurt); nicht dabei Stefan Heße (Hamburg)

Die Bischöfe sorgen sich mit Recht: „Populistische, rechtsextremistische und antisemitische Positionen werden zunehmend salonfähig.“ Und die linksextremistischen und die islamistischen Positionen und Straftaten – keiner Sorge wert? Gerade wurden in Berlin bei der Liebknecht/Luxemburg-Demonstration 21 Polizisten verprügelt, vier davon mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die Migrationspolitik der Bundesregierung lässt die Einwanderung von jährlich Zehntausenden von Hardcore-Antisemiten zu. Ob deren Positionen dann „salonfähig“ werden, erscheint zweifelhaft, weil diese Leute kaum je in den Debattensalons verkehren, eher in den Shisha-Bars. Und ein geplanter Terroranschlag von Islamisten auf den Kölner Dom konnte von den Ermittlungsbehörden zum Glück vereitelt werden. Wie oft noch? So lange, wie’s gutgeht.

Warnung nur in eine Richtung

„Die unantastbare Würde des Menschen zu achten und zu schützen muss die oberste Richtschnur jedes staatlichen Handelns sein. Politische Parteien, die diesen Grundsatz in Frage stellen, können nach unserem Verständnis keine Alternative sein.“

Völlig d’accord. Aber, liebe Bischöfe, auf euer Verständnis ist doch nicht mal mehr auf eurem ureigensten Gebiet des Glaubens und der Lehre Verlass! Ihr streckt die Hand zum Segen aus über das, was nach Heiliger Schrift und Katechismus immer und zu allen Zeiten Sünde war. Und: Wenn ihr vor den Radikalen in der Opposition warnt, dann warnt doch auch vor den Radikalen in der Regierung, die diesen Grundsatz in Frage stellen.

Es ist die aktuelle Regierungskoalition, die sich anschickt, die vorgeburtliche Kindstötung als „reproduktives Recht“ begrifflich umzudeuten und sanktionslos freizugeben. Es ist die aktuelle Regierung, die ihren Kulturkampf gegen Ehe und Familie zum Schaden nicht zuletzt der Kinder nun auch in Rechtsform gießen will – und so den nächsten Konflikt mit dem Bundesverfassungsgericht heraufbeschwört.

Nebenbei: Die Wiederwahl des in der Wolle gefärbten Kommunisten Bodo Ramelow von der x-fach umbenannten Mauermörderpartei SED zum thüringischen Ministerpräsidenten 2020 wurde von zwei der mitunterzeichnenden Bischöfe begrüßt: von Bischof Ulrich Neymeyr aus dem Bistum Erfurt und Bischof Heinrich Timmerevers aus dem Bistum Dresden-Meißen. Integrität sieht anders aus. Der Aphoristiker Dávila fasste es einmal so: „Der progressive Christ macht seinem Gegner schöne Augen, damit ihm sein Glaube verziehen werde.“

Alte Dogmen weichen neuen

In eurem „gemeinsamen Wort“ erscheint das Adjektiv „christlich“ genau einmal, einen Hinweis auf die katholische Soziallehre mit ihrer Betonung von Subsidiarität und Eigenverantwortung lasst ihr vermissen, und den Namen auch eures Herrn Jesus Christus unterschlagt ihr gleich ganz. Stattdessen behauptet ihr, dass die „Leugnung“ des „menschengemachten“ Klimawandels mit den Grundwerten unserer Gesellschaft „unvereinbar“ sei. Mit Dogmen kennt sich die Kirche ja aus. Wo die Substanz des Glaubens so schnell verdunstet wie in euren Bistümern, stellt ihr kurzerhand neue säkulare Dogmen auf. Als Katholik ist man verstimmt, als Staatsbürger fühlt man sich bevormundet.

Die Bischöfe appellieren an die Wähler, sich aus unterschiedlichen Quellen aktiv zu informieren, nach Begründungen zu fragen, sich kritisch auszutauschen, die Folgen von Wahlentscheidungen zu bedenken. Nun, die Folgen jedenfalls bisheriger Regierungsversäumnisse spüren die Bürger im Portemonnaie, beim Blick auf die Wirtschaftsdaten, sie sehen sie in Kindergärten und Schulen, auf Straßen und Plätzen, in Parks, Freibädern und in der Notaufnahme.

Was ist denn nun, wenn eine große Zahl von Bürgern nach gründlicher Prüfung zu einer begründeten Entscheidung kommen sollte, die anders ausfällt als von den Oberhirten angeordnet? Wie ist das eigentlich: Muss man im Beichtstuhl das Wahlgeheimnis brechen?

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Den Bischöfen, die hier ostentativ den Schulterschluss mit den herrschenden Kreisen suchen, könnten vom schlechten Beispiel ihrer polnischen Amtsbrüder lernen: Der polnische Klerus hatte sich seit 2015 eng an die konservative PiS-Regierung geschmiegt, so eng, dass viele Gläubige die Predigten nicht mehr von Regierungspressekonferenzen unterscheiden konnten – und in Scharen der Kirche den Rücken kehrten. Die gegangen sind, sind nie zurückgekehrt. Der polnischen Kirche hat die Verquickung mit der Macht massiv geschadet.

Und bei uns in Deutschland, gerade auch im schon weit säkularisierten deutschen Osten? Wenn, frei nach Seneca, kirchliche Sendschreiben von SPD-Verlautbarungen nicht mehr zu unterscheiden sind und Bischöfe bürgerliche Kleidung tragen, ist das Ende einer Epoche gekommen.

 

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