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Der Wert der Leistung

Nicht zufrieden mit Mittelmäßigkeit

Im Lauf der Geschichte spielten Leistung und Wettkampf immer eine große Rolle. Der Wunsch, etwas Großes zu erreichen und über sich selbst und das eigene Umfeld hinauszuwachsen, scheint tief im Inneren des Menschen verankert zu sein. Schon Kinder lieben es, sich aneinander zu messen: Wer kann am schnellsten laufen? Wer ist der Größte? Wer ragt mit einer bestimmten Fähigkeit oder Eigenschaft über die anderen hinaus?

Doch heutzutage und hierzulande hat der Leistungsgedanke einen schlechten Ruf. Arbeitgeber sehen sich immer umfassender damit konfrontiert, dass sie kaum Mitarbeiter finden, die bereit sind, ihre Aufgaben im Beruf gewissenhaft zu erfüllen. Noch seltener sind Mitarbeiter, für die es gar selbstverständlich ist, gute Arbeit zu leisten und sich nach ihren Möglichkeiten einzubringen.

Vielmehr leben wir in einer Zeit, in der vieles gefordert wird – ohne dass es gleichzeitig eine Bereitschaft gibt, dafür Opfer zu bringen. Ein gesundes Maß an Selbstkritik und das Wissen um die eigenen Schwächen trifft man kaum noch an.

Deutschland: Aus Trümmern wieder aufgebaut!

Dieser Trend verleugnet jedoch eine Wahrheit über den Menschen: nämlich, dass er dann Stolz, Zufriedenheit und Glück empfindet, wenn er sich einer Sache verschreibt, die eigenen Talente hingebungsvoll einsetzt und dabei über sich selbst hinauswächst. Man könnte auch sagen: Der Mensch ist nicht dafür gemacht, sich mit der eigenen Mittelmäßigkeit zufriedenzugeben.

Hinsichtlich Werten wie Fleiß, Ausdauer und Zuverlässigkeit können wir viel von unserer Großelterngeneration lernen. Der Gedanke daran, dass sie die Trümmer unseres Landes wieder aufgebaut haben, um uns dadurch eine Zukunft in Wohlstand und Frieden zu ermöglichen, kann uns mit Dankbarkeit und Stolz erfüllen. Wir verdanken den Menschen, die uns vorangegangen sind und die sich der Sehnsucht nach etwas Größerem hingaben, unendlich viel.

Wie ist es unseren Vorfahren gelungen, in einem Deutschland, das komplett zerbombt war, das nach den Gräueln des NS-Regimes in der ganzen Welt als ein Volk der Mörder und Handlanger von Henkern verschrien war, den Mut und die Hoffnung zu schöpfen, neu anzufangen und nicht am Boden liegen zu bleiben? Wie ist es ihnen gelungen, nicht zu resignieren und in Scham, Verzweiflung und Schmerz zu verharren?

In den ersten fünf Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden etliche Unternehmen gegründet, die bis heute weltweit erfolgreich sind. Was muss die Gründer von Adidas, Porsche oder Ravensburger so angespornt haben, dass sie es wagten, ein Unternehmen zu gründen – in einem Land, das vollständig zerstört war, in dem Armut, Hunger und große Unsicherheit über die Zukunft herrschten? Wie konnten sie den Mut aufbringen, nach vorne zu schauen und etwas aufzubauen?

Dem Schwierigen einen Sinn abringen

Sie und unzählige Menschen, die uns vorangegangen sind, hatten erkannt, dass Zufriedenheit nicht durch perfekte und möglichst einfache Lebensumstände gewonnen wird. Sondern dadurch, den Schwierigkeiten einen Sinn abzuringen. Ein Weg dahin ist es, etwas zu erschaffen. Und zwar etwas zu erschaffen, das über einen selbst hinausgeht. Etwas, das möglicherweise Bestand haben wird, das einen selbst überdauert und weit übertreffen könnte. Etwas, das die eigene Mittelmäßigkeit überragt – etwa am Bau einer Kathedrale mitzuarbeiten, ein Kunstwerk zu erschaffen oder das eigene Handwerk zu vollenden.

Wäre jemals das Auto erfunden worden, wenn sich Carl Benz mit Mittelmäßigkeit zufriedengegeben hätte? Wie viel Zeit, Herzblut, Scheitern, gesellschaftliche Anerkennung und Überwindung der eigenen Bequemlichkeit mag es gekostet haben, diese und andere bahnbrechende Erfindungen auf den Weg zu bringen? Das war nicht „einfach“, so wie es nicht einfach war, Deutschland nach dem Krieg wieder aufzubauen. Nein, es erforderte Einsatz, Ausdauer, Opfer, Schweiß und Schmerz und auch Leiden. Es erforderte ein großes Maß an Idealismus und die Vision einer besseren Welt.

Diese Beispiele zeigen, dass ein Mensch Hoffnung schöpfen kann, wenn er sich entschließt, seine Talente einzusetzen und zu perfektionieren, um etwas Besonderes zu leisten. Wenn er sich von den eigenen Lebensumständen nicht begrenzen lässt, sondern sich aufrafft, um mit dem, was ihm gegeben ist, zu wirtschaften und das Beste daraus zu machen. Wenn er sich in eine Sache ganz hineingibt.

Wenn aber Leistung zum Selbstzweck wird?

Bei all dem gibt es einen wahren Kern in der Sorge der Menschen von heute, dass der Leistungsgedanke auch Schaden verursachen kann. Ja, das Streben nach Leistung kann zu einer Falle werden. Nämlich dann, wenn die Leistung verzweckt wird, wenn man leistet, nur um der Leistung willen. Denn dann muss meiner Leistung zwangsläufig immer eine noch größere Leistung folgen.

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Wenn Egozentrik der Ausgangspunkt der Leistung ist, die ich erbringe, dann wird mich mein Bemühen und Leisten langfristig selbst zerstören. Denn dann soll das „Höher, größer, weiter“ nur mir selbst dienen.

Leistung als Dienst an einer größeren Sache

Leistung in ihrer vollendeten Form, die langfristig nicht ausbrennt, sondern Erfüllung schenkt, ist diejenige Leistung, die einem größeren Ziel dient. Hier geht es nicht darum, Leistung um der Leistung willen zu erbringen – sondern darum, mein Tun, meine Opfer, meine Gedanken, mein Herz einer größeren Sache zu verschreiben.

Wenn Leistung so verstanden und gelebt wird, dient jede meiner Anstrengungen einem größeren Ziel. Das verändert alles. Denn damit breche ich aus dem Kreisen um mich selbst und aus der Selbstbeweihräucherung für meine Leistung aus, die letztlich unglücklich machen.

Und so geht die eigentliche Leistung unserer Vorfahren weit über ihre tatsächlichen Handlungen hinaus. Denn diese Menschen haben nicht nur um ihrer selbst willen harte Arbeit geleistet und ihr Leben lang Fleiß als wichtige Eigenschaft hochgehalten. Vielmehr haben sie dadurch dazu beigetragen, unser Land so aufzubauen und zu einer solchen wirtschaftlichen Blüte zu bringen, dass wir bis heute die Früchte davon genießen dürfen – wenngleich wir womöglich noch nie so nahe daran waren, diese mühsam erkämpften Früchte durch Dekadenz und Selbstbezogenheit aufs Spiel zu setzen.

Die Menschen früherer Zeiten lebten anders als wir nicht nur für sich selbst, sondern sahen sich als Teil eines größeren Ganzen, ihres Volkes. Sie haben Leistung erbracht für die Menschen, die mit ihnen im Land lebten und für die, die nach ihnen kommen sollten.

Was, wenn ich nichts (Außergewöhnliches) leisten kann?

Nun mag sich der ein oder andere fragen: Was ist denn nun, wenn ich (scheinbar) keine besonderen Talente und Fähigkeiten besitze? Denn es ist wahr, dass die wenigsten Menschen Leistungen erbringen, die ihnen großen Ruhm bescheren, die sie reich und bekannt werden lassen. Es gibt nur wenige, die in Wissenschaft oder Künsten wirklich außergewöhnlich begabt sind.

Die meisten von uns entsprechen doch in vielen Disziplinen eher dem Mittelmaß; in manchen Bereichen ragt man vielleicht heraus, in anderen bleibt man sogar hinter dem Durchschnitt zurück.

Kleine Dinge mit großer Liebe tun

Die Liebe – eine Disziplin, in der jeder von uns aufgerufen und fähig ist, das Mittelmaß zu überschreiten

Doch wenn Leistung auf einmal nicht mehr nur der Leistung als solcher dient oder meinem eigenen Ruhm, kommt dafür eine ganz neue Dimension hinzu: die Liebe. Wenn ein Mensch eine auch noch so kleine und scheinbar unbedeutende Handlung aus der Haltung der Liebe heraus tut – um jemand anderem, dem großen Ganzen oder Gott zu dienen –, gewinnt die Handlung an Wert. Sie wird durch die Liebe zu einer Leistung mit ewigem Wert.

Diese Art von Leistung kann jeder Mensch erbringen. Es ist eine Disziplin, in der jeder von uns aufgerufen und fähig ist, das Mittelmaß zu überschreiten. Auch der Mann, der durch einen Unfall querschnittsgelähmt wurde und somit an einen Körper gefesselt ist, der ihm das meiste von dem, was ihn zuvor auszeichnete, nicht mehr auszuführen ermöglicht. Auch die alleinerziehende Mutter, die im Verborgenen zu Hause Zeit und Kraft investiert, um ihrer Familie zu dienen. Auch der Mensch, der am Fließband arbeitet und in der Monotonie gefangen scheint.

Ein Wettkampf der Liebe

Was war es also im Letzten, was die Trümmerfrauen angetrieben haben mag, verwitwet und alleinerziehend aus dem Nichts wieder etwas aufzubauen? Was mag Unternehmern in der Nachkriegszeit den Mut verliehen haben, neu aufzustehen und das Risiko einer Firmengründung einzugehen?

War es nicht die Liebe zu den eigenen Kindern, denen man wieder eine Zukunft und Perspektive schenken wollte? War es nicht der Wunsch, etwas wiedergutzumachen? Dem eigenen Land und dem eigenen Volk wieder Mut und Hoffnung zu schenken?

Vielleicht ist heute der Tag, an dem ich damit beginnen sollte, in den Wettkampf um die Liebe und Hingabe einzutreten. Kein Maß kann messen, wie gut ich darin abschneide – das einzige Messinstrument dafür ist mein Gewissen, dass mir anzeigt, ob ich in der Liebe wirklich bereits mein Bestes gebe oder hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe.

Nicht gegen die anderen, sondern für sie

In diesem Wettkampf der Liebe kämpfe ich nicht gegen die anderen – sondern für sie. Ich kämpfe dafür gegen meine eigene Bequemlichkeit und Mittelmäßigkeit. Gegen meine Selbstbezogenheit und menschliche Armut. Ich kämpfe um das Glück, in der Hingabe und Liebe voll und ganz aufzugehen.

Das ist die Triebfeder, die mich dazu befähigt, so weit über mich hinauszuwachsen, wie ich es mir heute nicht erträumen könnte.

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