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Warum Nachwuchs bekommen?

Allein um der Kinder willen

Für die Philosophin Simone de Beauvoir gibt es nur einen Grund, der für das Kinderkriegen spricht. Ein Kind müsse zwingend „um seiner selbst willen und nicht um hypothetischer Vorteile willen gewollt werden“, schreibt sie in „Das andere Geschlecht“. Sonst werde es instrumentalisiert. Dem schließt sich der Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl in seinem Buch „Zeit für Kinder“ an. Wolle man etwa ein Kind, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, solle man besser darauf verzichten. Es sei auch kein Kuscheltier oder sonst wie dazu da, um emotionale Bedürfnisse von Erwachsenen zu erfüllen.

Wer Nachwuchs in die Welt setzt, sollte das also ausschließlich unter der Prämisse der Selbstlosigkeit tun. Sozusagen, damit das Leben weitergeht. Sind die zunächst kleinen, auf Fürsorge angewiesenen Wesen doch von Anfang an ein eigener Mensch, das nicht den Eltern, sondern ausschließlich sich selbst gehört.

Das ist ein schöner, ein würdevoller, allerdings kein unbedingt populärer Gedanke. In zig Artikeln und Büchern, die sich mit dem Thema beschäftigen, werden regelrechte Listen mit Gründen erstellt, die für Kinder sprechen. Das ist auch deshalb befremdlich, weil damit das Kind zu einem Produkt degradiert wird, für das geworben werden muss.

„Unser Planet bricht gerade zusammen“

Erwartbar sind sicher Argumentationen, wonach das Leben mit Kindern glücklicher würde und aufregender – ähnliche Versprechen findet man allerdings auch bei Anbietern von Trekking- und anderen Abenteuerreisen. Apropos Freizeitgestaltung. Mutter- und Vaterschaftsurlaub werden ebenfalls angepriesen als „verlockende Auszeit“. Und überhaupt, es werde, wie eine Mama-Bloggerin schreibt, endlich Zeit, etwas Neues zu erleben. Zugleich würden Kinder einem ermöglichen, die Welt der Babyartikel zu entdecken: Strampler, Schnuller, Kinderwägen, Fußsäcke, Flaschenwärmer. Man dürfe ein Kinderzimmer nach Lust und Laune einrichten und das Kind so einkleiden, wie es einem gefällt. Ja, sie meint das ernst. Bleibt zu hoffen, dass das für werdende Eltern keine ernstzunehmenden Beweggründe sind.

Jährlich werden weltweit um die 132 Millionen Kinder geboren, das sind vier Geburten pro Sekunde. Nach Japan hat Deutschland die niedrigste Geburtenrate der Welt. Im statistischen Mittel werden hierzulande 1,4 Kinder pro Frau geboren. In Zukunft könnte das sogar noch unterboten werden, zumindest wenn man aktuellen Umfragen glaubt. Das ZDF veröffentlichte jüngst, dass 13 Prozent der 25- bis 34-Jährigen unsicher seien, ob sie Kinder bekommen sollen. 23 Prozent der Befragten gaben an, für sie käme das „(eher) nicht“ oder „auf keinen Fall“ in Frage. Begründet wurde das unter anderem mit der wirtschaftlich unsicheren Situation, die möglicherweise zu erwarten wäre; auch Kriege und vor allem der Klimawandel spielen dabei eine Rolle.

Unter anderem Blythe Pepino steht exemplarisch für den Geburtenstreik der jüngeren Generation. Die britische Musikerin äußerte sich verzweifelt: „Unser Planet bricht gerade um uns herum zusammen. Ich bin so enttäuscht darüber, wie die Politik auf diese Krise reagiert. Deshalb habe ich entschieden, dass ich kein Kind in diese Welt setzen kann. Und viele andere entscheiden sich genauso. Sie haben solche Angst. Deshalb ist es ihnen unmöglich, eine Familie zu gründen.“

Tatsächlich gibt es in unserer Gesellschaft zunehmend mehr Menschen, die bewusst auf Kinder verzichten, und das nicht nur, weil sie eine bevorstehende Apokalypse befürchten. Sie wehren sich gegen Elternschaft als Norm und dagegen, dass ein Leben ohne Kinder als defizitär einzuordnen wäre.

Reicht ein „Es gehört nun mal dazu“ aus?

Kinder als Auslaufmodell? Das klingt alarmierend. Müsste man demnach nicht doch die Werbetrommel rühren? Beispielsweise gemäß dem alttestamentarischen Appell Seid fruchtbar und mehret euch“. Allein: Niemand ist verpflichtet, Kinder zu bekommen. Und natürlich ist eine Frau nicht deshalb weniger Frau, wenn sie keine Kinder hat. Es ist zwar in der Biologie angelegt, sich fortzupflanzen, aber man ginge fehl, den Menschen darauf zu reduzieren.

Es wäre auch zu überlegen, ob die Entscheidung für ein Kind auf einem „Es gehört nun mal dazu“ ausreichend gegründet sein kann. Denn das würde bedeuten, dass nicht die Eltern selbst sich dazu entschließen, sondern sie sich an der Gesellschaft als übergeordnete Instanz orientieren und also womöglich blind und unüberlegt anderen Vorstellungen folgen; die sich durchaus mit den eigenen decken können. Dennoch ist selten sicher, woher ein Bedürfnis originär kommt.

Dass im Nachhinein wenige Erwachsene begründen können, warum sie Eltern geworden sind, könnte auch damit zusammenhängen, dass es meistens auf keinem bewussten Entschluss fußt. Das wiederum könnte auch als Argument dienen, es liege eben in der Natur des Menschen, es sei gar seine Aufgabe, Nachkommen zu zeugen. Oder handelt es sich um eine Sehnsucht, die ganz selbstverständlich in uns angelegt ist und nach Erfüllung drängt?

Frei, entscheiden zu können

Wem das als Erklärung genügt, der sollte allerdings bedenken, dass er dem Menschen die Freiheit abspricht, sich entscheiden zu können – und damit auch seine Würde, wie es Max Frisch in seinen Tagebüchern darstellt, denn die eben liege in der Möglichkeit zur Entscheidung. Außerdem bliebe, dass Kinderlose dann in den Verdacht gerieten, „unnatürlich“ zu sein.

Über mehrere Jahrhunderte hinweg war es ein Garant für die Zukunft, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Das sicherte das weitere Leben, mitunter sogar das Überleben der Eltern und Großeltern. In den hochindustrialisierten Gesellschaften ist das freilich nicht mehr so. Niemand braucht mehr Kinder, um versorgt zu sein, zumindest gilt das weitgehend für Europa und andere Regionen der Nordhalbkugel.

Und eben daraus, aus der weggefallenen Notwendigkeit, entsteht überhaupt erst die Situation, sich die Frage stellen zu können, wie man es mit eigenen Kindern hält. Dass Verhütung inzwischen geregelt werden kann, macht die Angelegenheit kalkulierbar, auch wenn gar nicht mal so selten vorkommt, dass die Methoden versagen.

Ein Kind ist die große Unbekannte

Niemand, der Eltern wird, kann vorher wissen, wie es sein wird. Man kennt ja nicht mal den Menschen, der da geboren wird. Bei anderen größeren, aber nicht adäquaten Entscheidungen wie den Kauf eines SUV oder eines Einfamilienhauses ist das ganz anders, man weiß um alle Details und hat also genug Belastbares, auf das man sich stützen kann. Insofern ist das Benennen von Gründen für ein Kind im Grunde gar nicht möglich, weil es sich nicht nach einem üblichen Muster erklären lässt. Letztlich ist es die große Unbekannte; man kriegt es nicht zu fassen.

Das wiederum führt dazu, das Kinderkriegen mit Mythen zu beladen – und damit auch das Kind. Ohnehin belastet alles, was außerhalb seiner selbst liegt, das Kind. Es ist nicht dafür da, Erwartungen der Eltern zu erfüllen und schon gar nicht ihrem Leben einen Sinn zu geben.

Zu Recht sagte der Dichter Khalil Gibran: „Deine Kinder sind nicht deine Kinder, sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst. Sie kommen durch dich, aber nicht von dir, obwohl sie bei dir sind, gehören sie dir nicht.“ Das Kind ist da, weil es da ist. Es ist, mit Albert Schweitzer gesprochen, „das Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“. Alles, was zu tun ist, ist, es zu bejahen. Ein anderes Wort dafür ist: Liebe.

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