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Hans Rosenthal zum 100. Geburtstag: Das war spitze!

Gerettet von der Dreieinigkeit

Das Besondere an den Überlebenden der Vorkriegsgeneration ist deren Resilienz, deren Widerstandsfähigkeit bei Widrigkeiten, hielt kürzlich ein Artikel an dieser Stelle fest. Dass diese Menschen existenziell wussten, was das Leben und was die Freiheit wert ist. Wer den Krieg durchgestanden hatte, wer aus Bomben, Beschuss, Spitzel hier und Russen-Einmarsch dort mit heiler Haut herausgekommen war, hatte unbändigen Lebenswillen und meist ein dickes Fell. Wer dazu auf dem Boden einer glücklichen, hellen Kindheit stand, war gut gerüstet für einen gelungenen Neuanfang im Frieden. In den Familien verwahrte Schwarzweißfotos zeigen nicht selten Jugendliche, die inmitten der Ruinen deutscher Städte vergnügt ins Objektiv strahlen. Was jetzt kommen sollte, konnte ja nur besser sein!

Der allen in goldener Erinnerung gebliebene Entertainer Hans Rosenthal war so einer, der davongekommen war: Er hatte, als jüdischer Deutscher von den Braunen verfolgt, nicht nur den Krieg, sondern auch den Holocaust überlebt. In den siebziger und achtziger Jahren versammelte der 1987 viel zu früh verstorbene Rosenthal als begnadeter Quizmeister der Schnelldenkershow „Dalli Dalli“ die Fernsehnation vor der Flimmerkiste: blitzgescheit, geistesgegenwärtig, schlagfertig, zweifellos der Dompteur im Ring und dabei doch von einnehmendem Charme, stets freundlich, höflich und manierlich.

Monatlich immer donnerstags kam im ZDF ein heiterer Unterhaltungsabend mit Spiel und Musik für die ganze Familie und alle Volksschichten: Ordentliches Deutsch, keine Zoten, kein Zynismus, an Häme über Verlierer war nicht einmal zu denken, im Gegenteil hatte Rosenthal die Sendung so gebaut, dass auch die glücklosen Teilnehmer quasi als zweite Gewinner vom Platz gingen; Geschmacklosigkeiten zogen erst mit dem Privatfernsehen und Thomas Gottschalk ein. Rosenthals begeisterter „Das war spitze!“-Sprung wurde bald sein Markenzeichen. Die Leute liebten ihn!

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Dass der sich immer aufgeräumt und gutgelaunt zeigende Showmaster Hans Rosenthal eine verborgene Geschichte hatte, erfuhr eine breitere Öffentlichkeit erst aus seiner Autobiografie, die er 1980 mit Mitte fünfzig veröffentlichte. „Zwei Leben in Deutschland“ – lesenswert bis auf den heutigen Tag. Lesenswert und mahnend auch, weil heute wieder, wie seit den Tagen des Dutzendjährigen Reiches nicht mehr, auf deutschen Straßen der Hass gegen die Juden gänzlich ungeniert herausgebrüllt wird. Dass das zuallermeist in arabischer Sprache geschieht, macht die Sache nicht besser. Eine Schande für Deutschland ist es allemal.

„Wir waren ganz deutsch erzogen“

„Ich bin jüdisch, das weiß man; und, ich bin eigentlich aufgewachsen wie jeder andere. Meine Eltern standen auf dem Standpunkt: Du bist Deutscher“, erzählte Hans Rosenthal 1985 in einer Fernsehsendung; Rosenthal konnte wunderbar erzählen. „Wir waren ganz deutsch erzogen. Vater sagte: Es gibt Deutsche, die evangelisch sind, es gibt Deutsche, die katholisch sind, und du bist eben Deutscher, der jüdisch ist.“

Die Rosenthals lebten im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, Winsstraße 63. 1932, als Hans schon sieben war, kam Bruder Gert auf die Welt. Bis 1935 sei in der Familie niemand auf die Idee gekommen auszuwandern. „Es wurde eigentlich erst ernster, als mein Vater 1937 entlassen wurde.“ Ohnehin nierenkrank, starb der Vater 36-jährig. Im Jahr des Kriegsausbruchs erkrankte Rosenthals Mutter an Darmkrebs, zwei Jahre später starb auch sie. „Jüdische Waisenkinder im Nazi-Reich – die Chancen unseres Überlebens waren nahe Null gesunken“, schreibt Rosenthal in der Rückschau.

Vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 lebten etwa 160.000 Juden in Berlin, nur eine niedrige vierstellige Zahl von ihnen tauchte nach dem Kriegsende wieder auf. Hansis – man nannte ihn zu Hause Hansi – Bruder gehörte nicht zu den Glücklichen. Gert war nach der Auflösung des Jüdischen Waisenhaus in der Schönhauser Allee 162 mit anderen Kindern und Jugendlichen zu unbekanntem Ziel abtransportiert worden. Der Bruder hatte vorher 50 Postkarten gekauft. „Alle zwei Tage werde ich dir schreiben, wo ich bin und wie es mir geht.“ Es kam nicht eine an. Hans Rosenthal hat nie wieder etwas von seinem Bruder gehört.

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Wie Nachforschungen Jahrzehnte später ergaben, wurden am 19. Oktober 1942 am Güterbahnhof Berlin-Moabit knapp tausend Berliner Juden auf den „21. Osttransport“ der Gestapo getrieben. Gerts Name stand auf der Transportliste an Stelle 251. Nach dreitägiger Fahrt, unmittelbar nach der Ankunft im besetzten Riga, wurden die allermeisten der Deportierten in den umliegenden Wäldern von SS erschossen. Wahrscheinlich auch das zehn Jahre alte Kind Gert.

Versteckt in einer Berliner Schrebergartenkolonie

Hans Rosenthal musste unterdessen Zwangsarbeit in einer Blechemballagenfabrik im vorpommerschen Torgelow leisten. Er bekommt mit, wie da und dort die jüdischen Deutschen auch tagsüber aus den Fabriken „abgeholt“ werden. Der Boden wird langsam zu heiß. Und Rosenthal beschließt, nicht fatalistisch zu leiden, sondern zu handeln. Hier blitzt schon der spätere Sausewind in Hörfunk und Fernsehen auf – der Organisator, das hellwache Ideenbündel, das sich etwas einfallen lässt. Ein halbes Jahr, nachdem der geliebte Bruder spurlos verschwunden ist, setzt sich Hans nach Berlin ab und findet bei einer Bekannten der Familie Unterschlupf.

Die alleinstehende Ida Jauch – „Sie hat ein gutes Herz, ist fromm und hasst die Nazis“ – lebt im Berliner Bezirk Lichtenberg in der Schrebergartenkolonie „Dreieinigkeit“ (heute Großsiedlung Fennpfuhl). In ihrer mit Teerpappe umkleideten Laube nimmt sie den Jungen auf, ganz selbstverständlich. Ein winziger ehemaliger Hühnerverschlag, hinter einer Tapetentür verborgen, mit Matratze, Tisch, Stuhl hergerichtet und einem Fensterchen nicht größer als ein Buchdeckel, wird für 17 Monate sein Quartier und die „Dreieinigkeit“ seine Zuflucht.

Gedenktafel (Ausschnitt) für Hans Rosenthal und die drei Frauen, die ihn während der NS-Zeit versteckt hielten. Standort vor der Grundschule in der Bernhard-Bästlein-Straße, Berlin-Fennpfuhl

Strom gibt es in der einfachen Laube nicht. Frau Jauch teilte ihre Rationen mit dem Heranwachsenden. Hans Rosenthal existierte für die Behörden ja nicht und verfügte daher über keine Lebensmittelmarken. Zu Brei zerkochte Kohlrüben geben ein karges Mittagessen ab. Hunger, Einsamkeit, Langeweile und die Angst, entdeckt zu werden – Rosenthals ständige Begleiter.

Die Hoffnung, die am Leben hält

Dass Frau Jauch vorschlägt, eine Nachbarin ins Vertrauen zu ziehen, erweist sich als Glücksfall: Täglich bringt Emma Harndt, deren Mann Kommunist ist, die ausgelesene Berliner Morgenpost. Hans verschlingt das Blatt von der ersten bis zur letzten Zeile. Auf einer Landkarte markiert er mit Stecknadeln den Frontverlauf: erst mit roten die Ostfront, nach der Landung der Alliierten in der Normandie auch die Westfront.

„Fieberhaft verfolgte ich das Kriegsgeschehen“, „meine Stecknadeln bewegten sich jetzt Tag für Tag“, „nur das fehlgeschlagene Attentat des 20. Juli erschien mir wie ein furchtbarer Dämpfer“, schildert Rosenthal jene Monate. Doch es gibt Hoffnung, es gibt ein Ziel, wofür es sich zu leben lohnt!

Dann im September 1944 ein furchtbarer Schicksalsschlag: Ganz plötzlich stirbt seine Wohltäterin an einem eingeklemmten Bruch. Lähmende Angst. Und: „Zum zweiten Mal hatte ich eine Mutter verloren.“ Bleiben kann er nicht, denn ein Bruder würde kommen und nach den Habseligkeiten der Verstorbenen sehen und ihn unweigerlich entdecken.

„Keiner dieser Menschen hat mich verraten“

Hans, nun 19 Jahre alt, nimmt allen Mut zusammen und setzt alles auf eine Karte: er vertraut sich einer weiteren Nachbarin in der Lichtenberger Laubenkolonie an. Maria Schönebeck, deren Mann und Sohn eingezogen sind, hört ihn still und ernst an, so die spätere Schilderung. Dann sagt sie spontan: „Gut. Sie bleiben bei mir.“ Auch sie teilt mit dem Verfolgten alles, was sie hat. „Der Alltag war Hunger.“ Hin und wieder schickt der Mann von der Ostfront ein Päckchen, mal eine Wurst, mal eine Büchse Schmalz: „Das waren Festtage für uns.“

Da die Not groß ist, man um die Wette hungert, weiht Frau Schönebeck mehrere andere Laubenpieper in das Geheimnis ein. Ein Risiko. Doch die tun, was sie können, um zu helfen, organisieren Essensrationen, auch mal ein Kleidungsstück. Der sich häufenden Bombenangriffe wegen schachtet ein Nachbar einen Unterstand aus. Bei Luftalarm sitzen sie dort mindestens zu zehnt. „Aber keiner dieser Menschen hat mich verraten. Keiner. Ich habe es nicht vergessen.“

Auch der Sohn von Schönebecks, der bei einem Heimaturlaub Rosenthal antrifft und völlig entgeistert ist von der Gefahr, in der seine Mutter schwebt, hält dicht. – Die Mutter hat ihren Sohn nie mehr wiedergesehen. Als Funker auf einem U-Boot fiel er noch 1945.

Rettung durch das jüdische Glaubensbekenntnis

In der letzten Aprilwoche 1945 kündigt das Rasseln von Panzerketten die Befreiung für den Versteckten an: Auf der nahen Landsberger Allee rollen sowjetische Tanks auf das Berliner Zentrum zu. Durch ein Missverständnis wäre Hans gerade in dem Moment, wo sein zweites Leben anbrechen sollte, von russischen Soldaten erschossen worden. An der Mauer des Wasser-Zwischenpumpwerks – es besteht noch heute – musste er vor einem sowjetischen Offizier, der auch Jude war, das Glaubensbekenntnis auf Hebräisch aufsagen: „Schma Jisroel, Adonaj Elauhenu, Adonaj echod – Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig.“ Dabei war ihm, schreibt er, „als verstünde ich zum ersten Mal den Sinn“. Dass er es auswendig konnte, rettete ihm das Leben.

Vor 40 Jahren: Hans Rosenthal erzählt im März 1985 vor dem Zwischenpumpwerk Lichtenberg in der Landsberger Allee (zu der Zeit Leninallee) im damaligen Ost-Berlin von seiner wunderbaren Errettung

Eine ganz persönliche „Stunde Null“. „Also wäre ich wirklich erschossen worden, wenn dieser jüdische Offizier nicht hinzugekommen wäre. ‘Der Ewige ist unser Gott’, sagte ich gedankenverloren vor mich hin. ‘Der Ewige ist einzig.’“ Zum nun schon siebten Mal hat der ewige Gott den Hans im Glück in jener dunklen Zeit vor dem fast sicheren Tode gerettet, in letzter Sekunde, in völlig unwahrscheinlichen Wendungen der Ereignisse; vor Bomben, vor Feuer, vor Entdeckung, vor Überprüfung, vor Abholung durch die Gestapo. Das alles ist in den Lebenserinnerungen aufgeschrieben und nacherzählt. „Wer im Schutz des Höchsten wohnt, der ruht im Schatten des Allmächtigen …“ (Ps. 91).

Heimat durch die Erfahrung des anderen Deutschland

Hans Rosenthal war frei. Noch im gleichen Jahr fing der tatendurstige junge Mann, der zwei Jahre zur Untätigkeit verurteilt war, beim Rundfunk an. Eine glückliche Wahl. Und nicht nur die erfüllende Arbeit: In der Kantine des früheren Reichsrundfunks in der Masurenallee fiel ihm bald ein hübsches, blondes Mädchen auf: „Es war anmutig, liebenswürdig, schlicht und für mich eine wahre Augenweide.“ Nach einem Jahr Anbandeln und Ausgehen wurde geheiratet – in geliehener Festtagskleidung. Da war Edeltraud aus Spandau gerade zwanzig Jahre alt. Der Trend unverbindlicher Beziehungskisten mit allen seelischen Folgen zog erst Jahrzehnte später ein, die Nachkriegszeit war die hohe Zeit der Ehe, der Familiengründungen und des Nägel-mit-Köpfen-Machens. Traudl war Rosenthals erste und einzige Liebe, und die ungemein glückliche und harmonische Ehe schied nur ein früher Tod im 40. Ehejahr.

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Rosenthal wurde die RIAS-Legende, schrieb deutsche Fernsehgeschichte, stand mit den Großen seiner Zeit auf Du und Du. Beim Blick auf die so unterschiedlichen zwei Leben des begnadeten Moderators, Entertainers und Interviewers mag man sich fragen, wo die Energie zu Freude, zu weit ausgebreiteten Armen, wo die Kraft strahlend zu lächeln – vor einem Publikum, in dem auch frühere NS-Täter saßen; Rosenthal war sich dieser Tatsache wohl bewusst – herrührten.

Das Gefühl der Freiheit und des Entronnenseins war allen Kriegsüberlebenden eigen. Seinen speziellen Antrieb als Holocaustüberlebender beschrieb Rosenthal sowohl vor der Fernsehkamera als auch in seiner Autobiografie so:

„Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so waren es diese drei Frauen aus der Kolonie ‘Dreieinigkeit’ – Frau Jauch, Frau Schönebeck und Frau Harndt –, deren Hilfe es mir bis heute möglich gemacht hat, nach dieser für uns jüdische Menschen so furchtbaren Zeit unbefangen in Deutschland zu leben, mich als Deutscher zu fühlen, ohne Hass ein Bürger dieses Landes zu sein. Denn diese Frauen hatten ihr Leben für mich gewagt.“

Ida Jauch und Maria Schönebeck wurden später von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

Ein wesentlicher Bestandteil seines Erfolges: eine harmonische Ehe

Eine zweite Kraftquelle waren Halt und Unterstützung, die Rosenthal in der Ehe erfuhr. Ohne seine Frau, so sagt er, würde er umfallen, wäre er ein Nichts. Eine ehrliche und ganz unsentimentale Liebeserklärung gab er mal vor Journalisten bei einem Hausbesuch:

„Meine Frau und ich sehen die Hausarbeit anders an als andere. Sie gibt mir eigentlich die Ruhe zur Arbeit. Wenn meine Frau zur Arbeit wäre, ich müsste zu Haus das machen und jenes machen, oder nehmen Sie nur die Kindererziehung, die hat bei uns hervorragend geklappt, ich bin stolz auf die Kinder – aber erzogen hat sie sie. Das heißt also, sie hatte die Ruhe, mir mein Nest zu bauen. Ich hätte sonst gar nicht so viel Ausflüge machen können und gar nicht so viel arbeiten können. Und ich halte das für einen wesentlichen Bestandteil meines Erfolges, dass meine Frau für mich nur da ist.“

Bereits an anderer Stelle hatte Corrigenda auf die Bedeutung der Ehe auch als Wirtschaftsgemeinschaft hingewiesen. Seine Frau hätte „ohnehin nicht“ zur Emanzipation geneigt, notierte der Ehemann in seinen Lebenserinnerungen. Für Aussagen wie die oben zitierte – entkäme der deutsche Jude Hans Rosenthal auch den deutschen Aufpassern und Denunzianten unserer Tage?

In seinen Lebenserinnerungen gab Rosenthal den Lesern eines mit auf den Weg: „Man darf nie aufgeben. Man darf vor allem sich selbst nie aufgeben. Nach einem Tunnel kommt wieder ein Licht, nach tiefem Tal eine Höhe, nach Verzweiflung Zuversicht und nach dem Kummer Glück.“

Rosenthal, ein Lifefluencer, wie er im Buche steht! Zum heutigen 100. Geburtstag Gratulation und Chapeau! Lechajim, auf das Leben! Hans Rosenthal, das war spitze!

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