Werbung mit „falscher“ Botschaft

Nirgends wird das Gesicht des Kapitalismus so sichtbar wie in der Werbung. Die Fülle an Produkten, die Vielfalt an Anbietern, der Preiskampf mit Rabatten und Aktionen: Werbeplakate sind das Sprachrohr der freien Marktwirtschaft. Damit sind sie natürlich auch der Feind Nummer eins der Leute, die sich mit dieser nicht abfinden können.
Der Stadtrat der Schweizer Wirtschaftsmetropole Zürich ist derzeit gezwungen, die Details eines Werbeverbots auszuarbeiten. Die Mehrheit des Stadtparlaments hat einer Vorlage zugestimmt, die ein faktisches Verbot von Werbung im öffentlichen Raum auf dem ganzen Stadtgebiet ausspricht. Und auf privatem Grund, wenn die Werbung vom öffentlichen Raum aus sichtbar ist. Also eigentlich überall, denn niemand macht Reklame dort, wo sie keiner sieht.
Zürich ist beileibe nicht die einzige Schweizer Stadt, die ein Werbeverbot prüft oder es bereits beschlossen hat. Eingebracht hat jetzt das Anliegen in Zürich die „Alternative Liste“, eine links-grüne Gruppierung. Diese war aber so freundlich, ein paar Ausnahmen zu definieren. So dürfen Unternehmen ihren Betrieb weiter beschriften, und Werbung für lokale Veranstaltungen und nichtkommerzielle Angebote soll weiterhin möglich sein, ebenso politische Plakate und alles, was die Behörden zu verkünden haben.
Praktisch alles verbannt
Man muss kein Werbefachmann sein, um zu merken, dass das, was bleibt, der kleinste Teil der Werbebotschaften im öffentlichen Raum ist. Alles andere würde verbannt.
Ein wahrer Brüller ist die Argumentation der Leute hinter dem geplanten Verbot. Sie sagen: „Die Bevölkerung braucht keine ständigen Erziehungsbotschaften durch die finanzstarken, zu stetigem Umsatzwachstum gezwungenen marktwirtschaftlichen Akteure.“
Dass Linke keine Sympathien für „Akteure“ haben, welche die Marktwirtschaft am Leben erhalten, ist bekannt. Originell ist aber der Begriff der „ständigen Erziehungsbotschaften“. Dieselben Kreise, die diese nun anprangern, haben sie regelrecht erfunden und nutzen sie weidlich.
Verführung oder Erziehung?
Unentwegt prasseln mit Hilfe breiter Kreise aus Politik und Medien solche Botschaften auf uns ein: Weniger oder kein Fleisch, weniger oder kein Zucker, Bahn statt Flugzeug, Elektro statt Benziner, Verzicht statt Genuss. Wehren sich Linke nun mit einem „Werbeverbot“ gegen den Versuch, die Bevölkerung umzuerziehen, ist das ein Widerspruch in sich. Sie tun ja den lieben langen Tag nichts anderes.
Zumal ein Schokoladenhersteller, eine Bank, eine Versicherung oder ein Juwelier umgekehrt in keiner Weise eine erzieherische Mission haben, wenn sie für ihre Produkte werben. Sie wollen auf sich aufmerksam machen, den Absatz steigern, sie müssen uns dazu natürlich auch verführen – aber bestimmt nicht erziehen. Mit der Verwendung dieses Worts haben sich die Verbotsanhänger keinen Gefallen getan.
Was an der Werbung ebenfalls kritisiert wird: Sie verleite zu „Überkonsum“. Auch das ein Begriff, der eine nähere Prüfung nicht übersteht. Überkonsum im Sinne von mehr Konsum, als er zum Leben nötig ist, herrscht in unseren Breitengraden immer und überall. Gefühlte 90 Prozent dessen, was wir kaufen oder zu uns nehmen, ist nicht zwingend für den Einzelnen. Sehr wohl aber für eine Gesellschaft, die auf Arbeitsplätze und Steuereinnahmen angewiesen ist.
Dabei ist jedes Werbeplakat nicht nur eine Verkaufsmaßnahme, sondern auch ein Symbol der Freiheit
Das Verbot, das sich angeblich gegen „Erziehungsbotschaften und Überkonsum“ richtet, ist in Wahrheit das pure Gegenteil. Es geht den Kräften dahinter darum, dass nur noch diejenigen Botschaften zur Erziehung eingesetzt werden, die ihrer Linie entsprechen. Und dass nur noch konsumiert wird, was sie für richtig halten. Das geplante Werbeverbot ist nicht nur eine Einschränkung, es ist ein System, das uns leiten soll. Dorthin, wo man die Menschen haben will.
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Jedes Werbeplakat ist nicht nur eine Verkaufsmaßnahme, sondern auch ein Symbol der Freiheit. Es zeigt uns, dass wir uns frei entscheiden dürfen für oder gegen ein Produkt oder eine Dienstleistung. Das ist denen ein Dorn im Auge, die überzeugt sind, dass die Entscheidungsfreiheit eingeschränkt werden muss. Beispielsweise, um den Planeten zu retten. Das ist keine dramatische Interpretation des Geschehens, wie das Votum einer linken Politikerin zeigt, die fand, es gehe um eine „ökosoziale Transformation unserer Konsumgesellschaft“. Man will uns „transformieren“ – offener geht es gar nicht.
Wer hat diese Leute zu unseren Hirten gemacht?
Es mag Einzelne geben, denen das nicht vorschwebt und die wirklich glauben, sie würden mit Verboten der Gesellschaft etwas Gutes tun. Aber so jemand hält seine Mitmenschen für unmündig. Ein solcher ist der Meinung, man müsse uns bei der Hand nehmen wie ein kleines Kind auf dem Gehweg. Er geht davon aus, dass wir nicht selbst abwägen können, was wir wollen und was uns guttut. Er möchte uns schützen vor dem Einfluss schädlicher Dinge. Der Hirte, der sich vor seine Schafe stellt. Aber wer hat diese Leute zu unseren Hirten gemacht?
Es geht ums Prinzip und nicht um die Sache. Ein kleines Beispiel zeigt das sehr schön. Elektronische Werbedisplays sollen verschwinden, weil sie zu viel Strom verbrauchen, so eine der Forderungen in der Vorlage. Die NZZ hat nachgerechnet und herausgefunden: Die bewussten Bildschirme verursachen 0,07 Promille am gesamten Energieverbrauch der Stadt Zürich. Man will Unternehmen die Werbung untersagen und die damit verbundenen Arbeitsplätze gefährden, um einen Verbrauch zu verhindern, der gerade noch knapp im überhaupt messbaren Bereich liegt.
Niemand würde das eine oder andere Plakat weniger vermissen. Aber hier steht viel mehr auf dem Spiel als das. Der Kampf gegen die Werbung wird früher oder später zum Kampf gegen das, was sie symbolisiert: Wahlfreiheit und Eigenverantwortung.
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Kommentare
Der Wahnsinn schreitet weiter voran!
Ein weiterer Schritt zur Bevormundung der blökenden Schafe.
Ich bin dafür, eben genau diese Wahlplakate und "Anordnungen der Behörden" (oder so) zu verbieten, denn genau DA wird man aufs Übelste Belogen. SEIT JAHREN!!
Vor allem zeigt es einmal mehr wie total Behämmert unsere "Regierungen" sind, Stadt, Kanton, Bund, egal, ALLE!
Anstatt zu sagen, NEIN, Mumpiz, Blödsinn, nicht nötig, der Bürger ist mündig genug zu differenzieren, unterwirft man sich einer kleinen, woken, durchgeknallten Minderheit. Einfach nur zum Ko..en!
Aber verwundert das in der heutigen Zeit?! Ein riesen Unternehmen wie Lufthansa lässt aber tausende Formulare abändern, weil man ausser den zwei Geschlechtern Mann und Frau (und es gibt nun mal NUR DIE ZWEI!) nicht auch noch einige andere ankreuzen kann. Und das auf vielseitigen Wunsch eines Einzelnen... Einzelner? Einzel Diversen? Einzelner*innen? ...oder aussen oder jemand*innen der sich heute als Waschmaschine und morgen als Graf Dracula fühlt.
Tausende anderer Beispielen könnten hier aufgeführt werden!