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Kolumne „Kaffeehaus“

Die Ehe als Mutbeweis

Eine Ehe ist ein zeitloses und nach wie vor erstrebenswertes Ideal. Das realisierte ich erneut bei einer slowakischen Hochzeit von zwei jungen Menschen, die gegenseitig ihrer ersten Liebe das Ja-Wort gaben. In Anwesenheit der Familie und Freunde feierten sie den Start in das gemeinsame Leben, frisch und fröhlich.  

Beide sind Studenten, die bereits im Gymnasium als Paar zusammenkamen. Er arbeitet neben seinem Studium als Programmierer, und ihr Großvater stellt eine kleine Mietwohnung zu einem symbolischen Preis zur Verfügung. Ob das junge Brautpaar im Leben etwas verpassen wird? Den Eindruck hatte ich nicht. Und auch einige philosophische Entwürfe bestätigen ein solches Lebens- und Liebeskonzept.

Das Ehegelübde ist eine der kühnsten Aussagen im Leben überhaupt – schließlich kann niemand die Zukunft voraussehen und sich im Detail auf alle Herausforderungen vorbereiten. Aber gerade zu zweit, „in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit, bis der Tod uns scheidet“, lassen sich diese am besten überstehen. Zumal das Sakrament der Ehe auch ein segnendes und heiligendes Element beinhaltet.

Mehr als ewige Optimierung und Neuerfindung

Überhaupt ist die Dialektik der Liebe eine spezielle, denn sie besteht in der Hingabe an einen anderen und wird dadurch zugleich zum Akt der Selbstentdeckung. Diese hat ausgerechnet der ernsthafte und rätselhafte deutsche Philosoph Hegel formuliert: Er war sich sicher, dass die Liebe eine wahrhafte Synthese zwischen dem Liebenden und dem Geliebten darstellt. Das Wesen der Liebe bestünde darin, sich in einem anderen selbst zu vergessen und in diesem Vergessen wiederum sich selbst wirklich zu haben und zu besitzen.

„Am Du werde ich zum Ich“ heißt es nach dem jüdischen Philosophen Martin Buber. Es bedeutet, dass unsere Persönlichkeit in der Beziehung zu einem Du entsteht und sich formt. Welch ein Kontrast zu den vielen Lebensentwürfen von heute, die sich stets mit der Optimierung und Neuerfindung des eigenen Ichs beschäftigen. Das Du stellt dabei nur eine Option dar – die einer netten und vorübergehenden Ergänzung. Ein Partner wird hauptsächlich als ein Mittel zur Erfüllung der eigenen Bedürfnisse betrachtet.

Während der Hochzeitspredigt schenkte der Priester den Brautleuten ein Porträt der beiden. Sie sollen es immer nur gemeinsam betrachten und dieses wird immer aktuell bleiben. Es war ein Spiegel. Der Spiegel soll daran erinnern, dass die eine mir anvertraute Person diejenige ist, die ich liebe und die unersetzlich ist. Das Geschenk bleibe immer dasselbe und man solle sich an der Gegenwart erfreuen, anstatt sich danach zu sehnen, was einmal war.

Ausprobieren und sich „ausleben“ kann zu unnötigen Verletzungen führen

Es war schön zu sehen, wieviel Unterstützung diese Eheleute seitens der Kirche, Familie und Freunde bekamen. Denn nicht wenige Studienfreunde, aber auch Familienmitglieder fanden eine solche Entscheidung nicht nachvollziehbar. Die eine Frage lautete: Wozu jetzt schon heiraten? Die Begründung eines Familienmitglieds bestand gar in dem angeblich nicht vorhandenen „Kapital“. Dabei ist eine Familie bereits das erste Unternehmen („oikonomia“ – griechisch für Haushaltsführung), und das Kapital kann in diesem Rahmen am besten entstehen und verwaltet werden.

Früher mussten sich junge Leute vor Familie und Gesellschaft verteidigen, wenn sie nicht früh genug heirateten, heute müssen sie sich verteidigen, wenn sie sich im jungen Alter binden wollen. Es wird empfohlen, erst mal vieles auszuprobieren, sich „auszuleben“, ehe man eine ernsthafte Beziehung angeht. Dass man sich in diesem Prozess unnötigen Verletzungen und Fehlern aussetzt und danach oft noch größere Schwierigkeiten hat, sich zu binden, wird dabei vergessen.

In Zeiten, wo sich so viele Menschen vor Verbindlichkeit und Verpflichtung fürchten, können gerade Bindung und Hingabe die Lösung darstellen – so widersprüchlich es auch klingen mag. Verantwortung zu übernehmen und sich jemandem anzuvertrauen, ist ein mutiger Sprung im Leben. Aber gerade dieser kann zu einer echten Selbstfindung verhelfen.

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