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Kolumne „Der Schweizer Blick“

Arena der Eitelkeiten

1973 erklärte die legendäre Sendeanstalt BBC in Großbritannien: „Open Door“. Der Name war Programm. In der TV-Diskussionssendung gab es keine thematischen Tabus. Erlaubt war in der Debatte alles, solange es nicht das Strafgesetzbuch streifte oder zu sehr nach Parteiwerbung roch. Zehn Jahre lang ging es rund bei „Open Door“, dann war Schluss. Allerdings nur für dieses Format. Politische Diskussionen vor der Kamera waren inzwischen längst etabliert, andere Sendungen folgten.

In der Schweiz, was auch sonst, wartete man etwas länger. Beschaulichen, von Freundlichkeit geprägten Meinungsaustausch gab es im Programm der öffentlich-rechtlichen SRG zwar auch recht früh, aber die Fetzen fliegen ließ das Schweizer Fernsehen erst vor 30 Jahren mit der Einführung der „Arena“. Hier treffen seit 1993 Politiker, Wirtschaftsführer und andere Personen des öffentlichen Lebens aufeinander und zoffen sich um die Beziehungen zur EU, die Migrationsfrage und die unsichere Altersvorsorge.

Brave Gäste, angezogene Handbremse

Theoretisch funktioniert die Sendung wie „Open Door“. Im Unterschied zum BBC-Vorbild diskutiert die Schweiz allerdings nach der freitäglichen Ausstrahlung selten tagelang über die „Arena“. Das hat zwei Gründe: die Auswahl der Gesprächsgäste und deren angezogene Handbremse. Beides sorgt dafür, dass man das Wort „zoffen“ von weiter oben vielleicht doch wieder relativieren sollte.

Natürlich gab es in den drei Jahrzehnten Ausnahmen: Diskutanten, welche die Runde vorzeitig verließen, der eine oder andere Kraftausdruck, hin und wieder etwas Tohuwabohu, bei dem alle gleichzeitig sprachen. Das ist im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert allerdings nicht besonders elektrisierend. Wer zuschauen will, wie sich erwachsene Leute regelrecht an die Gurgel gehen, findet das eher auf Twitter.

Schweizer Politiker haben den Kompromiss mit der Muttermilch eingeflößt erhalten. Egal, wie gefestigt sie in ihrem Weltbild sind, so wissen sie doch: Früher oder später werden sie mit dem Gegenüber, dessen Positionen sie schlicht nicht verstehen können, eine gemeinsame Lösung präsentieren müssen. Sonst klappt es nicht mit dem Volk bei der Abstimmung, denn dieses ist radikalen Ideen eher abgeneigt. Also ist man in der Tendenz höflich, macht Zugeständnisse und hält sich für die 70 bis 80 Minuten Sendezeit mit Maximalforderungen zurück.

Hauptsache, man ist nett zueinander

Das klingt etwas langweilig und ist es oft auch. In Spitzenzeiten schauten bis zu 800.000 Menschen die „Arena“, heute sind es meist noch etwas über 100.000. Der Niedergang ist hausgemacht. Suchte die BBC für „Open Door“ nach verbalen Schlachtrössern, setzt das Schweizer SRF eher auf Leute, von denen keine Gefahr der Entgleisung ausgeht. Der Liedermacher Franz Hohler sang einst „Es si alli so nät“ (Es sind alle so nett). Das war ironisch gemeint, wird aber in der Schweiz sogar im Rahmen der politischen Auseinandersetzung wirklich gelebt.

Das beste Beispiel dafür ist Roger Köppel, Verleger und Chefredakteur der „Weltwoche“ und noch bis Ende des Jahres Nationalrat der rechtskonservativen SVP. Eine Zeit lang war er immer wieder zu Gast in der „Arena“. Dann wurde er eineinhalb Jahre lang von der Sendungsredaktion ignoriert. Langweilig wurde es ihm in dieser Zeit nicht, weil ihn dafür deutsche Talkformate anheuerten. Als wortgewaltiger Schnelldenker mit gezielt eingesetzten Provokationen schien er diesen ein Garant für Aufreger, die für Quote sorgen. Die Rechnung ging auf.

Die Größe des Publikums scheint dem SRF hingegen egal zu sein. Der Sender wollte lieber die zarteren Gemüter im Ring vor Köppels Argumentationsstärke schützen. Das erinnert mehr an eine geschützte Werkstätte als eine Arena im Wortsinn. Man muss schon sehr selbstbewusst sein, um auf einen einheimischen Diskussionsteilnehmer zu verzichten, den sogar das viel größere Nachbarland sehen will.

Eine schlecht genutzte Karrierechance

Dass es die Sendung trotz dieses übervorsichtigen Kurses noch gibt, liegt daran, dass die Politik sie braucht. Sie ist ein Ventil für die Eitelkeit ihrer Vertreter. Leute wählen die Gesichter, die sie kennen. Die Vorstellung, dass Stimmbürger vor Wahlen in tagelanger Recherche politische Positionen vergleichen, ist hübsch, aber naiv. Es ist viel banaler als das.

Das beste Beispiel dafür ist Bundesrat Alain Berset. Der war in Umfragen sogar noch die Nummer 1 in der Beliebtheitsskala, als längst ein Skandal um seine Person dem andern folgte. Denn dadurch war er dauerpräsent in den Medien, und das reichte, um ihn bei Befragungen zum „Besten“ zu machen. Wenn man einen Namen nennen muss, nimmt man eben den, der einem gerade einfällt.

Von diesem Effekt träumt jeder, der eine politische Karriere anstrebt, und trotz niedrigerer Zuschauerzahlen ist die „Arena“ der größte Hebel auf diesem Weg. Wer in einem Wahljahr einige Male auf dem Bildschirm zu sehen war, hat keine schlechten Aussichten. Erstaunlich daher, wie schlecht diese Möglichkeit genutzt wird.

Wer Klartext spricht, gilt als unflätig

Kürzlich war eine Brigade von Jungpolitikern in der Sendung zu Gast. Statt zu zeigen, dass sie die Dinge anders anpacken als die „Alten“, spulten sie brav Parteiprogramme ab und argumentierten so vorhersehbar, als würden sie seit 50 Jahren in einem Parlament sitzen. Keiner von ihnen nahm die Gelegenheit wahr, aufzufallen. Alle blieben austauschbar. Niemand tat dem andern inhaltlich weh.

Aber das ist nicht die Schuld des Nachwuchses. Die Schweiz ist ganz einfach kein guter Platz für einen gepflegten, aber harten Streit. Wer Klartext spricht, gilt als unflätig, wer um das letzte Wort kämpft, als unhöflich. Es ist durchaus das Ergebnis einer guten Erziehung, den andern aussprechen zu lassen, aber dann sollte wenigstens das sitzen, was man während der eigenen Redezeit sagt.

Vermutlich wird es die „Arena“ in der einen oder anderen Form dennoch noch lange geben. An irgendeinem Sendeplatz muss man die Politiker ja sprechen lassen. Das ist der Auftrag eines öffentlich-rechtlichen Senders. Aber aus Zuschauersicht wünscht man sich mehr Mut bei der Besetzung der Runde. Ein bisschen mehr Stammtisch, ein Schuss Zivilcourage, ein Hauch „Open Door“. Wir können ja auch nach diesen 70 Minuten wieder nett zueinander sein.

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